Lebenswelt

Mein Alltag - Ein ganz normaler Tag in meinem Leben

Von Ashraff Salem

 

Bevor ich hier über meinen ganz normalen Alltag berichten möchte, werde ich mich hier erst einmal vorstellen, damit jeder in groben Zügen weiß, wer ich bin.

 

Mein Name ist Ashraff Salem, ich bin 34 Jahre alt (oder jung, wie man’s nimmt), und bin von Geburt an blind. Zu meiner Blindheit werde ich später aber noch ausführlich kommen. Ich wohne seit dem Jahr 2006 in Siegen. Mein Vater ist Ägypter, meine Mutter ist Deutsche. Meine zwei Jahre ältere Schwester Schadia wohnt und arbeitet in Bremen, meine Eltern leben in Hamburg, die Familie meines Vaters lebt in Kairo, der Hauptstadt Ägyptens und noch vielen anderen Orten auf der Welt. Bevor ich im Jahr 2006 nach Siegen gezogen bin, lebte ich in Hamburg, Berlin, Mainz, Düren, Kairo (Ägypten), und natürlich in Itzehoe, meiner Geburtsstadt in Schleswig-holstein. (Meine Geburtsstadt Itzehoe liegt 15 km von Wacken entfernt, wo jedes Jahr das größte Metal-festival Europas stattfindet).

 

Für uns ist es völlig normal und selbstverständlich, zwei Sprachen, nämlich deutsch und arabisch gelernt zu haben. Meine Mutter war für das Deutsche zuständig, mein Vater sprach mit uns arabisch. Meine Eltern untereinander sprachen deutsch. Auch war es für mich als Kind schon völlig normal, (und das sollte es überall auf dieser Erde sein), mit Menschen Kontakt zu haben und Umgang zu pflegen, die aus allen Ländern mit den verschiedensten Kulturen kamen.

 

Da ich von Geburt an blind bin, ist die Blindheit für mich nichts Schreckliches, nichts Trauriges. Sie ist so normal wie es für sehende Menschen normal ist zu sehen, so ist es für mich völlig normal, nicht zu sehen und niemals gesehen zu haben! Wenn es eine Operation geben würde, die mich zum Sehen bringt, ich würde sie ablehnen! Warum ich sie ablehnen würde, dazu später mehr.

 

Für Menschen, die mich auf der Straße sehen und denken: (oder auch tuscheln): „Mein Gott, der Arme, der ist ja blind, der kann all die Farben nicht sehen“, für all diese Menschen, die vor Mitleid fast zerfließen, ist meine Blindheit eine million mal schlimmer als für mich selbst. Denn für mich ist die Blindheit normal. Diese Menschen denken, ein Urteil fällen zu können und einen fremden Menschen als arm zu klassifizieren, obwohl sie nichts von mir wissen. „Er sieht keine Farben!“ Was interessieren mich Farben, die ich noch nie gesehen habe? Macht es einen Unterschied, ob meine Freundin schwarze, dunkelblonde, rotblonde oder braune Haare hat? (Momentan ist sie schwarzhaarig), (gefärbt), (hat aber von Natur aus dunkelblonde Haare).

 

Macht das einen Unterschied für unsere Beziehung aus? Wohl kaum!

 

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Nicht, dass mir das äußere Erscheinungsbild von mir selbst völlig egal wäre. Ich lebe unter sehenden Menschen. Mein Freundes- und Bekanntenkreis hier in Siegen besteht fast ausschließlich aus Personen, die sehen können. Ich halte es nur für eine Anmaßung, wenn ein Mensch, der mich einmal auf der Straße gesehen hat, meint, über mich urteilen zu können, nur weil ich nicht gucken kann. Und mir sind Menschen suspekt, die andere Menschen aufgrund ihrer Haarfarbe, Augenfarbe oder Hautfarbe beurteilen, verurteilen oder bewerten. Ob ein Mensch im Leben klar kommt oder nicht, hängt von tausenden Faktoren ab, die sehr komplex sind. Diese Faktoren gelten gleichermaßen für Blinde und Sehende, Rollifahrer und Gehende. Zu den Themenschwerpunkten Blindheit, Sehbehinderung und Inklusion werde ich aber später noch kommen.

 

Donnerstag, 10.08.2010

 

Der Wecker klingelt. Wütend haue ich auf die Taste und denke: „so ein Mist, ich würde gerne noch schlafen, aber heute kommen die 20 Schüler zu mir ins Dunkel-Café.“ (Was das Dunkel-café ist, werde ich nachher noch erklären).

 

Ich hüpfe unter die Dusche, währenddessen der Kaffee durchläuft, denn ohne Kaffee werde ich nicht vernünftig wach. Dazu gibt es eine Schale Biomüsli mit Biovollmilch und eine würzige Zigarette. Das ist mein Frühstück, wenn ich’s morgens eilig habe. Dann laufe ich ins Dunkel-Café, das nur zehn Minuten zu Fuß entfernt liegt. Dann warte ich auf meine Gäste, in dem Fall 20 Schülerinnen und Schüler. Ins Dunkel-café kommen im Übrigen sowohl Schüler von Gesamtschulen, Realschulen und Gymnasien als auch von Kranken- und Heilerzihungspflegeschulen wie der AHS.

 

Wenn die Schüler da sind, erkläre ich ihnen erst einmal die Regeln, die wir im Dunkel-café haben: die Handys komplett auszuschalten und die Uhren abzunehmen, denn in diesem Raum herrscht ein absolutes Lichtverbot. Wenn ich die Schülerinnen und Schüler gruppenweise ins Café geführt habe, stelle ich mich kurz vor. Die Schüler können alles zum Thema Blindheit und Sehbehinderung erfragen. Ich zeige ihnen die Brailleschrift und lese in der Dunkelheit etwas vor. Danach gibt es Kaffee und Kuchen, Kaltgetränke und Kuchen oder Frühstück, selbstverständlich alles im Dunklen. Denn die Schüler sollen ja einmal erfahren, wie es ist, für ein paar Stunden blind zu sein und auch blind zu essen und zu trinken. (Wer zum zweiten mal kommt, darf den Raum im Übrigen danach im Hellen sehen). Dieses Programm geht dann ungefähr drei bis vier Stunden, je nach der Zeit, die die Schüler haben. Selbstverständlich kommen auch Privatgäste ins Dunkel-café: Paare, Jugendgruppen, Studenten, Familien mit Kindern und Einzelpersonen. Wir hoffen, dass so viele Gäste ins Dunkel-Café kommen werden, dass daraus dann feste Behindertenarbeitsplätze entstehen können.

Anschrift

Kölner straße 11

57072 Siegen

Tel.: 0271 2367694


Nachdem meine Gäste dann gegangen sind und das Dunkel-café so weit wieder hergerichtet ist, kaufe ich erst einmal ein, gehe nach Hause, koche mir etwas Leckeres und erledige meinen Haushalt. Dann, meistens am späten Nachmittag oder Abend gehe ich noch einmal ins Café, um vier Gäste (dieses mal vier Studenten, die Pizza im Dunkeln zu sich nehmen wollen), zu empfangen und zu bewirten und sie durchs Programm zu begleiten.

 

Danach ruft ein Kumpel an und fragt, ob ich mit in die Disco gehe, zum Trinken, Tanzen oder einfach nur rumsitzen und Spaß haben. Dann gehen wir meistens mit einer Bagage irgendwohin, und nach vier bis fünf Stunden, wenn die Nacht hereingebrochen ist, gehe ich dann nach Hause und falle todmüde ins Bett in der Hoffnung, dass der Wecker für längere Zeit seine Klappe hält.

 

Ein ganz normaler Tag eben, den auch Menschen durchleben, die sehen können, nur mit dem Unterschied, dass sehende Menschen eben nicht so oft in Dunkel-cafés tätig sind.

Ein Tag im Jahr 1983

 

 

Meine Freundin und ich im Museum. Ich war 16, sie 17.

Sie hatte die Idee, dass wir „Kennenlernen“ spielen sollten.

Wir stellten uns in einige Entfernung voneinander und schauten uns verstohlen an. Wer würde wen zuerst ansprechen? Schließlich fasste sie sich ans Herz. Das hatte ich mir eigentlich denken können. „Entschuldige, kannst du mir sagen, wie spät es ist?“

Sie wusste doch genau, dass ich keine Uhr hatte! Ach ja, wir kannten uns ja noch gar nicht.

Ich sagte: „Mittelalter.“ Denn wir standen gerade vor Rubensgemälden. Jetzt waren wir schon mal im Gespräch. Sie lächelte. Sie fand mich wohl interessant. Ich vergaß fest, dass sie meine Freundin war.

Bei den Rüstungen hielten wir uns schon an den Händen, im Schaustollen küssten wir uns zum ersten Mal. Naja, nicht wirklich zum ersten Mal, schließlich hatten wir schon zusammen im Bett gelegen. Aber bei diesem Spiel hatten wir uns gerade erst kennengelernt. Das war ein total aufregender Tag! SO eine Freundin, wie sie, hatte ich nie wieder.

 

Martin Stoffel   10.02.13

Ein ganz normaler Tag:

 

Mein Alltag entscheidet sich nicht im wesentlichen vom Alltag sehender Personen, mit der Ausnahme, das ich an einem Ort arbeite, wo absolute Finsternis herrscht.

Ansonsten mach ich das, was man so macht: Surfen, Chatten im Internet, Schwimmen, Schwimmen, mich mit Freunden treffen, Parties feiern und kochen. Meinen Haushalt bewältige ich weitgehenst alleine.

 

Mein Alltag an einem Wochenende:

 

Kochen geschönt zu meinen größten Hobbys, wie man unverkennbar an meinem Bauch sieht.

Für mich ist es die größte Ausrede, von blinden und sehenden Personen, wie sie behaupten, sie könnten nicht kochen. Wenn Freunde bei mir zu Besuch sind, ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, das ich sie bekomme.

Ich koche eigentlich nicht viel anders als Menschen, die sehen können. Nur das ich vielleicht hin und wieder mehr abschmecke. Es gibt verschiedene Hilfsmittel, die man als Blinder benutzen kann.

Dazu gehören Sachen wie sprechende Küchenwaagen und ertastbare Messbecher.

Beide Hilfsmittel benutze ich allerdings nicht. Auch koche ich nicht nach Rezepten, sondern frei nach Schnauze. Allerdings muss ich zu meiner Schande gestehen, das meine Freunde sich darüber beschweren, das meine Gerichte zu Knoblauchhaltig und zu scharf sind.

Beim Kochen ist für mich hinterher das Abwaschen einer der schlimmsten Aufgaben.

Ich bin ein Mensch, der alles probiert was man essen kann. Die einzigen Speißen, die ich nicht zu mir nehme und keine Verwendung in meiner Küche finden sind Reibekuchen und Rosinenbrot.

Wie ihr an meinem Alltag am Wochenende seht, koche und esse ich in meiner Freizeit am liebsten.


Ashraf Salem

Eine Geschichte

 

Du gehst durchs Leben, du gehst bei Tag und Nacht. Siehst einen schönen Sonnenaufgang oder Untergang. Diese Farben dann alleine, da denkst du , du schwebst dahin. Doch so wie es aussieht war es einfach nur der Schein. Und leider bist und läufst du immer allein. Sie geben dir die Hand und sagen:,, Komm doch herein wir helfen dir.‘‘, aber so gut und nett wie sie tun wird’s nie sein. Ganz im Gegenteil, es ist alles schwarz. Sie tun immer nett, aber spielen nur mit dir. Wenn du weiter gehst und die Hand nicht annimmst die man dir reicht, dann bleibst du stark wie es soll sein, dafür bleibst du dennoch immer allein. Denn nur wer alleine bleibt wird so bleiben wie er ist und bleibt für andere kühl und sie sehen nicht in ihn hinein was wirklich in ihm vorgeht. Nur so verbirgt er sein wahres Gesicht für die, die es nicht sehen dürfen. Aber nur wer sein Gesicht verbergen kann bleibt der, der er ist. Auch wenn die anderen wollen das er mit der Uhr läuft. Nur der ist verloren, der mitgeht und nicht seinen eigenen Weg geht. Nun nehmt euch ein Beispiel an dem was da steht oder an dem was andere durchgemacht haben.

 

MD

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