Anders...? Was soll das sein?

Nun geht es dir ja besser!

 

Nun geht es dir ja besser. Sagen die Eltern, sagen die Freunde und Bekannten. Die Psychose ist erst mal abgestellt. Nach einem Klinikaufenthalt und Einstellung auf Medikamente. Nun geht es dir besser, sagen sie und glauben es auch. Du fühlst etwas völlig anderes. In der Psychose ging es dir gut. Und jetzt? Die Hochstimmung, dieses Gefühl, das ganze Universum umarmen zu können, ist vergraben unter all dem Haldol und Neurocil. Du funktionierst wieder, das heißt, du fällst nicht mehr auf. Darum „jetzt geht es dir ja besser“. Jetzt heißt es, sich gewöhnen. Gewöhnen an den Verlust des Glücks. Sich gewöhnen an die Eingeschränktheit, die dein Leben jetzt bestimmt. Das was war, als du die Psychose lebtest, war krank und durfte nicht sein. Das hat man dir gesagt. Zu glauben, den Kontakt zu dem Leben vor der Psychose zurück zu bekommen, ist eine Illusion. Deine Erfahrung wird in deine Seele eingebrannt sein, solange du lebst. Die Erfahrung zeigt, dass auf eine erste Psychose oft weitere folgen. Also darfst du dich auf eine Psychiatriekarriere einstellen, damit es dir immer wieder „besser geht“.

Vielleicht findest du irgendwann einen Weg, dich mit deiner Geschichte zu arrangieren. Vielleicht musst du einmal keine Psychose mehr haben. Aber ich muss dir sagen, du wirst immer deine Erinnerungen haben. Die an die Höhenflüge und die an die Tiefs. Und eine gewisse Angst wird bleiben. Denn wir können uns unseres „Gesundseins“ nie ganz sicher sein.

Nun geht es dir ja besser, sagen sie. Keiner weiß, was kommt.

 

Martin C. Stoffel              11.11.03

Von Träumen

 

Ich träume häufig von der Psychiatrie. Das sind Träume von Hilflosigkeit und Willkür. Jedes Mal fühle ich mich ganz gesund. Ich kann nicht nachvollziehen, warum sie mich wieder in die Klinik gebracht haben. Was mir dort begegnet, ist ganz unterschiedlich. Meistens merkwürdige Ärzte und obskure Behandlungsmethoden. Die Chefärztin hat einen Irokesenschnitt und das Pflegepersonal fährt auf Rollschuhen in den Fluren umher. Und das sind die guten Fixierungen und Zwangsspritzen. Und immer das Gefühl, gegen das System absolut hilflos zu sein.

Aber es gibt auch Träume von einer anderen Psychiatrie. Spaziergänge mit dem Arzt durch den Park. Gespräche mit Schwestern, die sich wirklich für mich interessieren. Reine Phantasie, denn erlebt habe ich so etwas kaum. Pfleger auf Rollschuhen habe ich auch nicht erlebt, aber Fixierung und Spritzen.

Diese Träume sagen mir, wie sehr mich die Erfahrung „Psychiatrie“ noch immer beschäftigt. Ich bin vor drei Jahren das letzte Mal in der Klinik gewesen, aber das „Trauma“ lässt mich nicht los.

Was ist das? Dieses Herausgeworfen sein aus dem Normalen. Nicht normal in der eigenen Gedankenwelt. Nicht normal in der äußeren Lebenssituation. Und dieses sich-nicht-mitteilen-Können, das nicht verstanden-Sein. Ein vorherrschendes Bild in meinen Träumen. Wie habe ich mir jemanden gewünscht, der mit mir redet! Aber da war niemand. Nicht in der Familie, nicht im Krankenhaus. Die herrschende Meinung war: Gebt ihm die richtigen Pillen und er wird schon wieder. Chemie wirkt auf den Körper, nicht auf den Geist. Heilung beginnt da, wo eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst einsetzt. Das ist in einer Psychose nicht möglich, aber auch nicht, wenn man mit Medikamenten zugedröhnt ist.

Nein, wirkliche Auseinandersetzung beginnt da, wo man sich seinem Selbst stellt. Dazu muss einem nicht unbedingt ein Psychologe verhelfen (über Konzepte und Denkweisen der Psychologie könnte man zu einer passenden Gelegenheit viel sagen!), das kann ein guter Freund tun, oder ein Pastor. Vielleicht auch eine Zufallsbekanntschaft im Cafe, die einem den richtigen Denkanstoß gibt.

 

Wenn man es wagt, sich selbst zu begegnen und sich nicht immer belügt mit Sätzen, wie: „Ich bin ja psychisch krank, das muss so sein…“, dann kann man anfangen an seiner Gesundung aktiv zu arbeiten. Und vielleicht hören dann die Träume auch einmal auf

 

Martin C. Stoffel              20.10.03

Kommunikation und (nicht möglicher) Dialog

 

„Sie wirken heute angespannt.“ Sagte die Ärztin.

Es ging aber auch um ein Thema, dass mich sehr bewegt: Wie verständigt man sich in der Psychiatrie? Das System ist geprägt von Missverstehen. Der Antipsychiatrie-Verlag hat ein Buch herausgebracht mit dem Titel: „Treue Verständnislosigkeit“.

Viele Patienten sind der Meinung, sie könnten den Ärzten nicht alles erzählen. Viele Felder psychotischen Erlebens, oder Vorstellungen (oft religiösen Inhalts) werden verschwiegen, weil man dem Arzt misstraut, ihn sogar als Gegner betrachtet.

Von der anderen Seite werden Äußerungen oder Gefühlsregungen von Patienten sofort kategorisiert und in psychiatrische Schubladen gesteckt. So, dass man es schließlich nicht mehr wagt, sich „normal“ zu verhalten, um nicht auf einmal „angespannt“ zu wirken.

In meinem Fall sind in den fünfzehn Jahren, in denen ich regelmäßig auf psychiatrischen Stationen lebte, diese Grundlagen, die Ideen, die mich in die Psychose führten, nicht einmal zur Sprache gekommen. Das fängt erst jetzt an in der ambulanten Behandlung. Das ist zum Teil mir selbst anzulasten, da ich die Möglichkeit nicht sah, mich zu öffnen. Ich habe aber auch kein Interesse von Profis gespürt an diesem Komplex – also auch nicht an mir!

Das Schlimmste: Ich habe geglaubt, das ist ganz normal, dass man darüber nicht spricht. Ich hatte in diesen Jahren weder Gespräche mit Psychologen, noch mit Sozialarbeitern. Irgendwann gab es dann Bezugspflege, aber die hatte keine Zeit.

Der einzige Kommentar des niedergelassenen Psychiaters war: „Haltens sie sich von der Religion fern. Das ist Gift für sie.“ Das ist ungefähr so, wie wenn man einem Verdurstenden rät, er solle sich vom Wasser fernhalten.

Teure Verständnislosigkeit.

Die Patienten haben Vorbehalte. Die Profis haben ihre Rollenmuster. Sie haben ihre eigene Rolle, und dieser Rolle gerecht packen sie die Patienten in Kategorien. Auffälliges Verhalten wird notiert und es wird entsprechend „behandelt“. Aber wird wirklich auf den Menschen eingegangen? Aggressivität führt zur Erhöhung der Dosis. Fragt man mich, warum ich laut geworden bin? Ob das zum Beispiel am Verhalten der Profis liegt?

Eines ist mir klar geworden: Richtig ausgeflippt bin ich immer erst, wenn auf Station 91 die Tür zuging. Und die Tür ist geschlossen, so hat man mir erklärt, um uns zu schützen…

 

Martin C. Stoffel              12.06.03

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