Zeit zum Reden

Martin C. Stoffels Texte aus den Abschnitt „Mit den eigenen Worten“ des Buches „10 ungehaltene Reden“

Lolita 2000

Wenn Männerphantasien wahr werden, ist das ein Fall für den Staatsanwalt. Wir sitzen vor den Fernsehnachrichten und kriegen einen Steifen, wenn wir an die Dreizehnjährigen denken...
Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn man als erwachsener Mann junge Mädchen nett findet. Aber muss man sie gleich umbringen? Nein! Das ist pervers! Doch, fragst Du Dich nicht auch, wenn die Fünfjährige sich in Deinen Schoß schmiegt, huch, bin ich jetzt ein Päderast?
Leute, wie ich ziehen die Literatur zu Rate.
Da fällt uns natürlich zuerst ,,Lolita" ein. Vladimir Nabokov hat diesen Roman im Jahr 1955 in den IJSA geschrieben, und seitdem steht der Name für all die Kindfrauen, die die Phantasien Männer jeglichen Alters antreiben. Heute sind es die Britneys und Christinas, in den Siebzigern und Achtzigern waren es schauspielernde Teenies wie Brooke Shields und Jodie Forster. Sie alle spielen die Lolita" mehr oder weniger perfekt. Die Obsession, die Nabokov beschreibt, ist bis heute unerhört. Es verwundert nicht weiter, dass jeder die Geschichte kennt, aber kaum jemand das Buch gelesen hat. Denn, kaum zu glauben, es ist große Literatur! Der Gedanke, dass ein erwachsener Mann mit einer Zwölfjährigen schlaft, macht an. Wie Nabokov dieses Geschehen beschreibt, nicht unbedingt. Einhandliteratur ist das nicht. Ein anderer der ganz großen Schriftsteller hat Nabokov zu seiner ,,Lolita" inspiriert. Lewis Carroll, der Autor von ,,Alice im Wunderland" (1865), hat seine Geschichte einem Nachbarmädchen erzählt, Alice Liddell, die er vergötterte. Als Alice zwölf Jahre alt war, soll er ihr einen Heiratsantrag gemacht haben, woraufhin ihre Eltern ihnen jeden weiteren Kontakt für alle Zeit verboten. Carroll hat gern photographiert und besaß eine stattliche Sammlung von Aufnahmen kleiner Mädchen. Man sagt, er habe nie eine Frau geküsst, die älter als zwölf Jahre war. Seine Bücher sind Weltliteratur. Sie sind ein Aufbegehren gegen das Bild und die Erziehung von Kindern im viktorianischen Zeitalter Englands. Aber der Ausflug in die Literatur ist hier noch nicht vorbei. Was ist mit den Mangas mit ihren großäugigen Mädchengesichtern, die alle ein wenig an Heidi erinnern, die aber dazu recht vollbusig sind? Was ist mit den ,,starken" Mädchen der Astrid Lindgren, mit Madita und Ronja Räubertochter? Für die Verfilmungen wurden ausnehmend hübsche Mädchen genommen. Ich kann mich erinnern, dass mir die Luft wegblieb, als Annika in einer Pippi Langstrumpf Folge das T-Shirt auszog. Zurück zu unseren Perversen vom Anfang. Es ist ein Riesenschritt von der Literatur" von Bildern (und da sind ja noch weit eindeutigere auf dem Markt.) zu einer Vergewaltigung, oder gar zum Mord. Wir wissen, dass es geschieht. Wir wissen, dass immer wieder alle Schranken aufgehoben werden" Und dann sitzen wir vor dem Fernseher mit gemischten Gefühlen. Einerseits hat da Einer genau das getan, was wir uns in feuchten Träumen nur vorstellen, andererseits ist es abscheulich. Wir haben ein schlechtes Gewissen in unserer Lust. Das schlechte Gewissen, das dieser Mann mit den Handschellen nicht mehr hat, oder nie
gehabt hat, der da steht und zusieht, wie sie seinen Garten umgraben. Aber wir haben das schlechte Gewissen. Und vielleicht ist das alles gar nicht so. Vielleicht sagt Einer, nein, ich nicht, ich habe solche Gedanken nicht, bei mir gibt es nur sauberen Sex und saubere Phantasien. Schön, wenn es so wäre. Es ist Sommer. Bauchfrei ist angesagt. Guck mal genau hin. Beobachte Deinen Blick. Was denkst Du?

Martin C. Stoffel 4.7.04/22:55

Religion oder Gesellschaft

 

Die frühen Menschen haben sich langsam in Gruppen zusammengetan, um sich gegenseitig besser helfen zu können. Zweifelsohne haben sie das von den Wölfen oder anderen im Rudel jagenden Tieren übernommen, da die Jagd im Verband mehr Erfolgsaussichten versprach, als allein zu jagen. Somit hatten sich die ersten Gesellschaften gebildet. Das war selbstverständlich. Später kontrollierte man mit zunehmender Technik die Natur und die Menschheit wuchs und wuchs. Man lernte aufgrund vieler Kriege dazu und schaffte 'Ordnung' in der Welt. Doch diese 'Ordnung' ist irgendwie auf einem globalen Niveau stecken geblieben. Schließlich hat diese 'Ordnung' Rettung versprochen. Rettung und die Beseitigung aller Ungerechtigkeiten. Doch das Verrückte an der Gesellschaft ist: Je weiter sie sich entwickelt, um Ungerechtigkeiten zu beseitigen, umso mehr Ungerechtigkeiten entstehen innerhalb der Gesellschaft. Unterschiede im Bezug auf Arm und Reich, in Aussehen, Kultur, Fähigkeiten, Rasse und Geschlecht. Man kann natürlich auch als Armer fröhlich und Zufrieden leben, dafür braucht man aber ein Gedankenkonstrukt, das die Ungerechtigkeiten und Unzufriedenheit der Armen auffängt und absorbiert, sodass man mit der Ungerechtigkeit noch zurechtkommen kann. Diese Rolle übernahm sehr lange die Religionen. Diese lehrten, dass man, auch wenn man einen frühen Tod erlitt, aber zuvor untadelig und Gottesfürchtig gelebt hatte, in den Himmel kam und so doch noch Gerechtigkeit erfuhr. Doch wer von uns hat heute noch so einen Glauben?

Der Glaube scheint überflüssig für viele von uns geworden zu sein. Ist ja auch eine logische Konsequenz: Man muss nicht unbedingt einen Glauben haben,wenn die Gesellschaft wohlhabend und stabil ist. Wenn in vielen Staaten wie auch bei uns die Sozialsysteme ausgereift genug sind braucht man meist keinen Glauben mehr. Aber auch dann kommt z.B. der Tod auf ungerechte Weise daher. Jetzt bleibt die Frage: Warum? Warum muß das alles so sein? Warum haben wir es bis heute nicht geschafft, diese ganzen Ungerechtigkeiten endlich zu beseitigen? Wie soll man denn die Seelen derjenigen retten, die die Grausamkeiten der Welt nicht aushalten, ihr Glück nicht in der Gesellschaft finden oder nicht an Gott glauben können?

Der Fortschritt erhöht das Niveau des Geistes, der Kultur und der Technik, aber das betrifft nur die Elite der Gesellschaft. Dagegen ist der evolutionäre Fortschritt der Lebewesen eine Notwendigkeit derer, die ihren Jägern zu entkommen versuchen. Oder er ist für die Schwachen, die ausgegrenzt werden. Wie sollen wir nun in dieser Welt bestehen, wenn alles immer von Glück und Unglück, Gewinn und Verlust geprägt ist?

Ist es schon einmal jemandem von Ihnen eingefallen, dass es sein könnte, dass wir Menschen uns alle noch in der Evolution befinden? Das heißt, wir entwickeln uns ständig weiter. Alles an und in uns entwickelt sich ständig weiter. Unser Geist, unser Körper.Bedauerlicherweise entwickelt sich alles nicht in derselben Geschwindigkeit weiter. Der Geist beispielsweise besitzt eine Geschwindigkeit, die abnorm ist: der Körper kann evolutionäre 'Hürden' nur innerhalb von Jahrmillionen überbrücken. Unser Geist ist dagegen in der Lage, ein schwieriges Problem in ein paar Jahren, spätestens Jahrzehnten zu bewältigen. Der Geist ist also mehr als mehrere hunderttausend mal schneller in seiner Evolution als der Körper. Jedoch hat das einen entscheidenen Haken: Diese geistigen Fähigkeiten sind darauf ausgelegt, Probleme in der 'Umwelt' zu lösen, d.h. Probleme, die mit unserer individuellen Existenz zu tun haben, maximal die unserer Familie. Problemlösungen, die ein ganzes Volk in seiner Existenz sichert, können nicht von einzelnen erarbeitet werden. Das bedeutet, das der Mensch zwar ein Rudeltier ist, aber das 'Rudel' sollte eine gewisse Anzahl an Individuen nicht überschreiten. Keiner kann die Probleme von Millionen von Menschen lösen. Nur die Probleme, die vor der eigenen Haustür liegen. Sprich also wieder die Familie, der Clan, höchstens noch der Stamm. Instinktiv wissen wir das alles. Faktisch wird uns immer noch weiszumachen versucht, die richtige Politik sei der Schlüssel zu Glück, Freiheit, Erfolg und Gerechtigkeit. Dem ist aber nicht so.

Ganz im Gegenteil: Je näher die einzelnen Gesellschaften durch die Globalisierung zusammenrücken, umso mehr Probleme kommen auch dazu.

Das führt uns unweigerlich zu dem unbequemen Gedanken, das die Politik ebenfalls an einen toten Punkt geraten ist. Zumindest hier in Europa. Aber auch im fernen Amerika spüren die Leute, dass eine 'Götterdämmerung' angebrochen ist. Viele von Ihnen und auch von uns mögen anfangen zu glauben: Das Ende ist nah!


Dirk Schneider

 

 

 

Martin C. Stoffels Texte aus den Abschnitt „Mit den eigenen Worten“ des Buches „10 ungehaltene Reden“

 

§175

Wenn Schwule sich als unterdrückte Minderheit bezeichnen, ist das blanker Hohn. Während Homosexualität längst kein Straftatbestand mehr ist, sind die Psychiatrien gefüllt mit Menschen, die ihr Anderssein teuer bezahlen. Oscar Wilde hat gesessen, Robert Walser und Ernst Herbeck haben sie nie mehr herausgelassen.
Schwule bekleiden heute die höchsten Posten, sie sind anerkannt in Kunst und Gesellschaft. Ein psychisch Kranker hat kaum eine Chance, im sogenannten ,,normalen" Leben Fuß zu fassen. Ihre Kunst ist entweder niedlich, oder wird tot geschwiegen. Die Schwulen haben ihre eigene Kultur. Die Psychos nichts. Vielleicht schon mal einen wohlmeinenden Arzt, der einen Roman über ,,Irre" schreibt.
Johannes Baader, der Maniker war, durfte bei den Dadaisten mitmachen. Er musste sich nämlich gar nicht anstrengen der Oberdada zu werden. Es war es lange bevor die Anderen ihre Manifeste verfassten. Was die Schwulen für sich beanspruchen, ihren Platz in der Gesellschaft, die Akzeptanz, gibt es für psychisch Kranke nicht. Was man Anti-Stigmatisierung nennt, was ein Bewusstsein bilden soll für das Leben dieser Menschen, wird von der Pharmaindustrie finanziert, also schon zum Scheitern verurteilt, da gerade diese die chemische Fessel schnürt, die ein Leben nicht lebenswert macht. Früher haben beide gemeinsam in der Psychiatrie am Esstisch gesessen, haben alle Repressalien der Normalität über sich ergehen lassen müssen. Was man erzählt von Elektroschocks und Operationen, ist leider wahr. Jetzt sind die psychisch Kranken auf den Stationen unter sich. Nur ein paar Drogenabhängige auf Entzug verirren sich manchmal unter sie. Da sitzen sie also im Raucherzimmer und warten auf die Medikamente zum Schlafen gehen. Und zur selben Zeit ziehen sich die anderen an für eine durchgetanzte Nacht im Club. Manche tragen einen rosa Winkel. Es scheint fast so, als bildeten sie sich etwas darauf ein, dass sie mal verfolgt waren. Das Euthanasieprogramm hat bei ihnen nicht gegriffen. Ich glaube, kaum ein psychisch Kranker würde sich damit brüsten, dass die Hitlers sein Leben als unwert ansahen, dass an ihm Forschung betrieben wird. Er wird dazu aufgerufen, sein Gehirn zu spenden, und man fragt sich, ob er Kinder zeugen sollte. Da hat sich Vieles in den letzten 60 Jahren nicht verändert.
Der  §175 ist allerdings abgeschafft. Na, haben sie ein Glück!

Martin C. Stoffel 24.5.04/4:00

Martin C. Stoffels Texte aus den Abschnitt „Mit den eigenen Worten“ des Buches „10 ungehaltene Reden“

 

 

Ein wenig lamentieren

Es ist Sommer,
und sie blitzen auf wie strahlende Perlen in einer Muschelkolonie.
Das heißt: Selten sind sie nicht.
Sie sind schön anzusehen, und sie wecken Sinne.
Aber:
Der Weg zur Weisheit führt nicht über die Frauen.
Die Beziehung zu einer Frau bündelt jegliche Energie.
Man setzt alle Kraft darein, sie zufrieden zu stellen. In vielerlei Hinsicht.
Schon sich mit Frauen zu unterhalten ist in der Regel anstrengend:
Probleme, psychologischer Kram und am liebsten eine Analyse des Mannes, der
gerade vor ihnen sitzt. Oder wenigstens der Männer schlechthin.
Das Beste ist natürlich, man gibt ihnen recht.

Das Verlockende an ihnen ist erst einmal ihr Körper. Dann vielleicht die Augen.
Wenn sie anfangen zu reden, muss man sich schon bemühen, sie toll zu finden.
Besonders, wenn sie einen selber toll finden, wenn sie glauben, man versteht sie.
Das ist eine Illusion, und kein Mann sitzt ihr wirklich auf.
Mit einer Frau zu reden dient meistens nur dem einzigen Zweck, ihr näher zu
kommen. Da ist es hilfreich, sie zu ,,verstehen".
Was eine Frau von einem Mann will, sagt sie ihm im seltensten Fall. Und es ist
ihm so gut wie unmöglich, von selbst darauf zu kommen.

Anatomisch passen Männer und Frauen so gut zusammen, wie kaum etwas
anderes. Vielen reicht das auch durchaus. Fängt man dann an, sich miteinander
auseinander zu setzen, ist man meist sehr schnell auseinander.
Erwartungen - nicht ausgesprochene Erwartungen, Erinnerungen an frühere
Beziehungen, überhaupt nicht miteinander reden können, sind einem
harmonischen Beisammensein im Wege. Das hat man nicht gelernt, und die
Gesellschaft lässt einem keine Chance dazu. Bleibt die Flucht in immer mehr
wechselnde Partnerschaften und noch zahlreichere sexuelle Kontakte.

Das ist nicht die Schuld der Frauen. Sie tun, was ihnen gesagt wird. So ist es
durch all die Jahrhunderte gewesen. Die Unterdrückung durch den Mann ist
abgelöst durch das Dogma von der sexuellen Freiheit und, großgeschrieben,
von der EMANZIPATION.
Lebenslange Partnerschaften sind zur Seltenheit geworden. Dagegen nimmt die
Zahl der Alleinerziehenden immens zu. Begibt man sich zu schnell in eine
angeblich feste Beziehung? Besiegelt man sie zu schnell mit einem Kind? Bleibt
man dann zu oft allein?
Werte, die früher bestanden, wie man sie noch heute in der Traupredigt hören
kann, der Satz ,,In guten wie in schlechten Zeiten" ist dahingehört und leider auch allzu oft dahingesagt. Man nimmt das eben mit. Und dann, beim nächsten Versuch, wieder.

Heute ist es so. In 20 Jahren wahrscheinlich anders, und nicht besser.
Die Zahl der Silberhochzeiten wird abnehmen, bis es irgendwann überhaupt
keine mehr gibt. Dafür kommt eine neue Gesellschaftsform, die Kleinst- und die
Patchworkfamilie. Wechselnde Bezugspersonen für Kinder, die nicht mehr
wissen, zu wem sie gehören. Partnerschaften auf Zeit, Lebensabschnittsgefährten,
ohne Probleme austauschbar, denn inzwischen ist das gesellschaftlicher
Konsens.
Nein, die Frauen sind nicht Schuld daran. Ihr Bauch gehört ihnen. Das
Patriachat ist überkommen. Und außerdem sind sie schon immer das starke
Geschlecht gewesen, die Männer nicht mehr, als stolzierende Pfaue, die sich von
ihnen einfangen lassen. Ihre vermeintliche Stärke beruht auf der Gewalt, die sie
ausüben, wenn sie nicht weiterwissen.

Wer hat dann die Schuld? Doch nur die Zeit! Die Freiheit, in der wir leben"
Alles darf, nichts muss.

Wenn man von der Zeit spricht, muss man vom Wassermann sprechen. Dieser
stieg in den 60er Jahren aus den Fluten. Freie Liebe, Drogen, Kampf den
Autoritäten. Seine Kinder sitzen heute an den Hebeln der Macht in Politik und
Wirtschaft. Von Bill Gates bis Joschka Fischer. Den Soundtrack läuteten die
Beatles ein, die bis heute berühmteste Band der Welt. Die bis dahin
Festgefahrenen Strukturen wurden aufgebrochen, doch es wurde versäumt, eine
wirkliche Alternative zu entwickeln. So läuft man der eigenen Revolution
hinterher und versucht allenthalben die Löcher zu flicken, die sich in jedem
Bereich des Lebens aufgetan haben.

Und daran sind bestimmt nicht die Frauen schuld. Sie haben die neue Freiheit
vielleicht am besten genutzt. Die Erfindung der Pille hat ihnen die Verpflichtung
zum Mutter Sein genommen, und sie haben entdeckt, dass Sex Selbstzweck sein
kann. Eine Erkenntnis, die das Leben von Beziehungen explosionsartig
veränderte. Haben die Männer die neuen Möglichkeiten zuerst genossen,
standen sie bald etwas hilflos davor. Die Frauen waren nicht mehr von ihnen
abhängig. Und das lassen sie sie bis heute spüren.

Die Situation: Das Heft liegt in der Hand der Frauen. Ob Beziehungen Bestand
haben, bestimmen sie, und auch die Geburten regeln sie. Das ist dann gut, wenn
Menschen bewusst mit sich umgehen. Da traue ich den Frauen mehr zu, als den
Männern, die an ihnen hängen. Für einen Mann ist es oft besser, allein zu sein, will er etwas erreichen. Nicht jeder Mann ist auf der Suche nach Weisheit. Den meisten reicht das Glück der Frau und der Familie, das so trügerisch sein kann.
Doch, wer auf mehr heraus ist, wer die Welt ein wenig bewegen will, sollte sich
gut überlegen, wann er sich binden will, denn das bedeutet auch gebunden sein.
Die Freiheit der Männer ist trügerisch, denn sie unterschätzen die Freiheit der
Frauen. Für denjenigen, der einige große Gedanken im Kopf bewegt, kann eine
Beziehung eine Sackgasse sein, wenn er sich nämlich nur noch mit der Frau
beschäftigt und darin ein Glück sieht, das so erschreckend schnell vorbei sein
kann.

Zum Glück strebt nicht jeder nach Höherem, und Frauen sind schön.

Martin C. Stoffel 1.8.04/23:10

Die Emanzipation der Geschlechter in unserer Gesellschaft

 

Wie gleichberechtigt sind Männer und Frauen wirklich?

 

Viele Menschen in Deutschland und Europa behaupten, dass der Islam der „Feind der Frau“ sei und alle muslimischen Männer Frauenunterdrücker schlechthin. (In der nichtmuslimischen Schweiz bekamen die Frauen erst Ende der 1970er Jahre das Wahlrecht, in der muslimisch geprägten Türkei hingegen schon 1923, also weit vor der Schweiz. Das Gleiche gilt für das katholisch geprägte Irland, wo Frauen ebenfalls erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts das Wahlrecht erhielten.

 

Dennoch wird in vielen islamischen Staaten die Frau brutal unterdrückt und entrechtet, der Feminizid und die Geschlechterapartheid sind auf der ganzen Welt zu beobachten. In Saudi-arabien und anderen Ländern dürfen Frauen kein Auto fahren, nicht wählen, müssen sich auf Druck der Familienangehörigen verhüllen und können (dürfen!) ohne Begleitung ihres Ehemannes, älteren Bruders oder Vaters das Land nicht verlassen! Und dann wird auch noch vorgeheuchelt, diese Maßnahme sei als „Schutz der Frau“ nötig und gereiche ihrem Vorteil!

 

Allerdings sollten die Menschen in Deutschland und Europa sich davor hüten, so zu tun, als sei hier alles in Ordnung und sie seien den Muslimen „moralisch überlegen“. Auch hier mussten (und müssen) die Frauen über Jahrhunderte hinweg für ihre Emanzipation eintreten und kämpfen und dieser Kampf um Gleichberechtigung ist auch in unserem Land noch lange nicht am Ende. In Europa gab es, initiiert von den Kirchen, den millionenfachen Mord an Frauen und Mädchen durch die sog. „Hexenverbrennung“.

 

Wie sieht nun die Situation heute für die Frauen weltweit aus?

 

Sowohl in der Bibel, dem so genannten „heiligen Buch der Christenheit“, als auch dem Koran, (Qur’an), dem so genannten „heiligen Buch des Islam“, wimmelt es von frauenverachtenden Aussagen und Zitaten. Im Koran heißt es, dass die Männer über den Frauen stehen und ihre Ehefrauen bei fortwährendem Ungehorsam züchtigen dürfen! In der Bibel heißt es, dass das Weib dem Manne Untertan sei. Sie sei diejenige, die zu gehorchen habe! Nun werden einige mir vorwerfen, dass ich das nicht ganzheitlich betrachte und im Kontext der Zeit sehen müsse. Ich müsste bedenken, wann diese Bücher geschrieben worden sind, und genau das tue ich! Ich und viele andere Menschen auch wissen, dass heute eine andere Zeit herrscht als früher. Es gibt aber immer noch hunderte von millionen Menschen auf der Erde, die ihre Bibel oder ihren Koran wortwörtlich und als Tatsachenbericht lesen, und genau da liegt das Problem bei der Unterdrückung der Frau vor allem dann, wenn diejenigen, die diese veralteten Bücher Ernst nehmen, Macht und politischen Einfluss besitzen!

 

Über eine milliarde Frauen und Mädchen werden heute immer noch brutal von ihren Ehemännern, Brüdern oder Vätern geschlagen und haben sexuelle Übergriffe und sexuellen Missbrauch am eigenen Leibe erlebt. Oftmals werden die Frauen von ihren Ehemännern vergewaltigt und das ist in vielen Ländern auch aufgrund von Traditionen und der Religion erlaubt und wird nicht bestraft! Auch werden in vielen Ländern die Themenbereiche Sex und Sexualität tabuisiert (gerade wenn es um die „weibliche Sexualität“ geht) und es wird nicht darüber gesprochen! (In Indien musste erst eine junge Studentin brutal vergewaltigt werden und sterben, bis die patriarchalische Gesellschaft in Indien langsam anfängt, über den Umgang mit ihren Frauen nachzudenken!) Auch Indien gehört zu den Ländern, wo eine Vergewaltigung in der Ehe völlig straffrei ist! Dort wird alle 20 Minuten eine Frau vergewaltigt! (Ich hoffe, dass aufgrund des brutalen Mordes an der Studentin ein Umdenken stattfindet und Vergewaltigung in der Ehe als das angesehen wird, was es ist: Ein Straftatbestand und die Form des schwersten Verbrechens!) In China und Indien werden viele ungeborene Mädchen vernichtet, wenn bei einer Ultraschalluntersuchung zutage tritt, dass es Mädchen werden, die da auf die Welt kommen sollten! Erstens zählt ein Junge mehr und zweitens möchte die Familie die Mitgift für die Ehe nicht aufbringen. Diese Einstellung und das Beharren auf veraltete Traditionen hat bereits jetzt zu einem „Männerüberschuss“ in beiden Ländern geführt, der dann wiederum große Probleme mit sich bringen dürfte.

 

Über 500 millionen Frauen erleiden und erlitten im Laufe ihrer Kindheit als Mädchen eine Genitalverstümmelung, wobei die äußeren und die inneren Schamlippen und die Clitoris mit einer Rasierklinge oder einem scharfen Gegenstand entfernt werden. (Ohne Betäubung). Danach werden die Mädchen „zugenäht“, wobei der zukünftige Ehemann si dann am Tage der Hochzeit wieder gewaltsam öffnet. Auch diese grausame und menschenverachtende Prozedur, bei der viele Mädchen verbluten, bei der Geburt ihres Kindes sterben, oder Infektionskrankheiten bekommen, basiert auf einer Tradition und auf religiösen Wertevorstellungen. Der Beruf der Beschneiderin ist in vielen Dörfern immer noch gefragt. Die Mädchen werden teilweise im Alter von fünf Jahren verstümmelt. (Man kann die weibliche Genitalverstümmelung in keinster Weise mit der Beschneidung des Mannes gleichsetzen, wo nur die Vorhaut des Penis entfernt wird und es keine Nachteile zur Folge hat.) Ich kann nur hoffen, dass Menschen wie Waris Dirie, die den Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung sich zur aufgabe gemacht hat, sich irgendwann durchsetzen und diese „Tradition“ weltweit geächtet und verboten wird! Dann müssen auch weniger Mädchen, weniger Frauen, weniger junge Mütter auf qualvolle Weise sterben!

 

Im Afghanistan der Taliban, die von 1996 bis 2000 das Land regierten, durften Frauen keine Berufe mehr ausüben. Sie mussten die Burka, den Ganzkörperschleier tragen. Zur Schule durften die Mädchen nicht gehen, also war ihnen die Möglichkeit, lesen und schreiben zu lernen verwehrt. Und das, obwohl der Prophet Muhammad in einem wichtigen Hadith (das Wort Hadith ist arabisch und bedeutet so viel wie Aussprüche und Handlungen des Propheten) sagte: „Die Suche nach Wissen und Bildung ist Pflicht für jeden Muslim und für jede Muslima, für Männer und Frauen!“ Die Hadithe sind für die Muslime genauso wichtig wie der Koran. Berücksichtigt man nun, dass die Taliban sich für ganz „tolle Muslime“ halten, so verstoßen sie doch sehr stark gegen die Prinzipien, wenn sie den Frauen den Zugang auf Wissen und Bildung verwehren.

 

Im Iran, Somalia, Saudi-arabien und dem Norden Malis und Nigerias werden Frauen ausgepeitscht oder sogar zu Tode gesteinigt, allein deshalb, weil sie nur im Verdacht stehen, mit einem anderen Mann als ihrem Ehemann geschlafen zu haben! Aber auch in vielen nicht-islamischen Ländern ist die Macho-gesellschaft, die Unterdrückung und Diskriminierung der Frauen allgegenwärtig! In vielen lateinamerikanischen Staaten wie Mexiko werden wesentlich mehr Frauen ermordet als Männer. In der dominikanischen Republik ist die häufigste Todesursache bei Frauen zwischen 18 und 35 Jahren Totschlag durch den eigenen Ehemann. Deshalb spreche ich, was die weltweite Situation der Frauen betrifft von Geschlechterapartheid und von Feminizid!

 

Wie sieht die Situation nun in Deutschland aus?

 

Auf den ersten Blick könnte man denken, die Frauen in Deutschland und in Europa seien emanzipiert und alles wäre in Ordnung. Ist das wirklich so? Schaut noch einmal genau hin! Mir hat ein Gegner der Emanzipation letztens in einer Diskussion gesagt, dass es hier bald so weit sei, dass die Männer eine Emanzipation bräuchten, weil sie hier von den Frauen unterdrückt werden.

 

Wie sieht die Realität nun aus?

 

In Deutschland bekommen Frauen im Durchschnitt 22 % weniger Lohn als Männer. In allen börsennotierten Unternehmen sind über 98 % aller Vorstände männlich. Viele Männer werden immer noch komisch beäugt, wenn sie zugeben, allein erziehende Väter zu sein oder sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Viele Männer sehen die Kindererziehung und den Haushalt immer noch als „Frauensache“ an, und dabei meine ich nicht nur muslimische Männer!

 

Wenn ein Mann wechselnde Sexualpartnerinnen hat, dann gilt er in vielen Kreisen und Milieus der Gesellschaft als „toller Hecht“, weil er so viele Frauen ins Bett kriegen kann. Hat eine Frau hingegen mehrere wechselnde männliche Sexualpartner und gibt diese Frau das offen zu oder kommt auch nur der leiseste Verdacht in diese Richtung, gilt sie als „Schlampe“, als „Flittchen“, als „unanständig“ und wird (auch von anderen Frauen) verachtet! Warum eigentlich? Wenn ein Mann das Recht dazu hat, seine Sexualität frei zu entfalten und frei auszuleben, dann hat die Frau ebenfalls das GLEICHE Recht, ihre Sexualität voll auszuleben und mit so vielen Männern ins Bett zu gehen, wie sie es für richtig hält, ohne als „Schlampe“ beschimpft zu werden!

 

Es gibt noch viele Aspekte zum Thema der Emanzipation in Deutschland, die ich anführen könnte, das würde aber ganze Bücher füllen. Aber allein schon an den Beispielen, die ich hier kurz umrissen habe, kann man erkennen, dass wir auch im ach so fortschrittlichen Deutschland noch meilenweit von einer echten und vollkommenen emanzipatorischen Gesellschaft sehr, sehr weit entfernt sind! Der Kampf für gleiche Löhne zwischen Männern und Frauen, für die gleiche sexuelle Freizügigkeit zwischen Männern und Frauen, für eine Frauenquote in börsennotierten Unternehmen und bestimmten Parteien, ja generell für eine emanzipatorischere Gesellschaftsform muss weitergehen, - in Deutschland und auf der gesamten Welt!

 

Anmerkung: Der Verfasser dieses Textes ist männlich.

 

Ashraff Salem

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