Das tägliche Tun

Berufsehre

 

Was gibt Dir eigentlich das Recht, anderen Menschen zu sagen, wie sie leben dürfen, was sie denken, fühlen und möglichst auch sagen dürfen? Wie ihre Wohnung auszusehen hat, was für Kleider sie tragen, wie viel sie trinken dürfen, wann sie morgens aufzustehen haben, wer ihre Freunde und ihre Freundinnen sind, ob sie sich verlieben dürfen? Was sie zu arbeiten haben?

Dein akademischer Titel? Deine Berufserfahrung? Hat Dein Professor Dir gesagt, was richtig ist? Wie viele Bücher hast Du gelesen und waren es die richtigen?

Du unterhältst Dich mit Deinen Kollegen über „Herrn S.“ der wieder „dekompensiert“. Du redest auch mit Herrn S., wie Du es gelernt hast und Herr S. erzählt Dir nichts. Der Fall ist klar. Du gibst Dir Mühe. Herr S. geht schließlich in die Klinik.

Dann sitzt Du mit Frau A. im Cafe. Resozialisierung könnte man das nennen. Ihr redet über das, was früher war. Frau A. redet sehr viel. Du fühlst Dich gut. Über den Engel, den sie in dem Mann am Nebentisch sieht, erzählt sie Dir nichts. Was weißt Du vom Wahn? Was weißt Du von Deinen Klienten? Was weißt Du, was nicht nachzulesen ist?

Frau A. und Herr S. treffen sich in der Psychiatrie. Sie unterhalten sich über Dich: „Der ist ja ganz nett, aber Ahnung hat er nicht. Hast du noch Zigaretten?“

Dein Job ist bestimmt hart, so richtig Zugang findest Du nicht. An der Uni sah alles so anders aus. Du wolltest helfen. Das Handwerkszeug, das man Dir gegeben hat, die Theorie, ist wenig hilfreich. Die Realität bedeutet viel improvisieren.

Manchmal nimmst Du dir vor, einmal si eine Pille zu nehmen, um selbst den Schmerz zu spüren, von dem sie reden. Aber dann lässt Du es bleiben.

Wenn Dir einer von Engeln erzählt, bist Du hilflos. Die gibt es ja nicht. Zu Hause schlägst Du nach.

Sie hatte so ein Strahlen in den Augen. Manchmal wünschst Du Dir, alles wäre wahr…

 

Martin C. Stoffel