Integration? - Nein! Inklusion!

Inklusion

 

In den 1980er Jahren, als ich in das Alter kam, wo die Schulpflicht begann, gab es noch keine inklusive oder integrative Beschulung. Deshalb ging ich auf eine Blinden – und Sehbehindertenschule. Als ich eine blinden Freundin aus Norwegen traf, wunderte sie sich darüber, das blinde Menschen hier auf extra Schulen gehen. Sie erklärte mir, das es in Norwegen keine Schulen gab, die Ausschließlich für Menschen mit Behinderung gedacht waren.

In Norwegen gehen Menschen mit und ohne Behinderung auf eine Schule und die Lehrer, die Sonderpädagogik studiert hatten, halfen den Schülern mit Behinderung in den Klassen.

Außerdem sind die Lehrpläne in Norwegen nicht so „starr“ wie in Deutschland. Ein Schüler der dritten Klasse, der in Mathematik hervorragend ist, und in Norwegisch schlecht, kommt im Mathematikunterricht in die fünfte Klasse und im Norwegischunterricht in die zweite Klasse.

So sind die Lehrpläne auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler abgestimmt.

Die Vorteile des Norwegischen Inklusionsmodells liegen klar auf der Hand:

Die stärkeren lernen von den schwächeren und umgekehrt. Länder, in denen die Inklusion sehr weit fortgeschritten ist, wie Norwegen und Schweden, sind Testsieger bei allen Pisastudien und haben ein hohes Bildungsniveau. Die Vermittlungsquote bei der Jobsuche von Menschen mit Behinderung sind in Norwegen sehr viel höher als in Deutschland. Deutschland hat noch sehr viel aufzubereiten und nachzuholen.

 

Ashraf Salem

Quo vadis   I n c l u s i o n   in Deutschland?

 

(lat. in-cludere, ein-schließen im Sinne von einbeziehen)

 

Philosophisch/gesellschaftswissenschaftlich das Involvieren von Individuen einer sogenannten Randgruppe in eine sogenannte gesellschaftstragende Stammgruppe.

 

Historisch: Als in Zeiten des Nationalismus und Obrigkeitshörigkeit ein kleines Grüppchen Intellektueller im Jahre 1916 "Dada" aus der Taufe hob, um unter anderem nicht mehr in den Sprachen zu kommunizieren, in denen Krieg geführt wird, wurde diese von der herrschenden Meinung geschasst und in Misskredit gebracht. Die Dadaisten flüchteten sich ihrerseits in ein inneres Exil. Somit kann man deren Exclusion als Vorläufer einer Idee der Inclusion nennen.

(Sie gebärdeten sich wie Verrückte in einer noch verrückteren Welt)

 

Als nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Deutschland die Waffenfabrikation verboten wurde, konnte sich das Kapital auf die Produktion von Prothesen konzentrieren, die Nachfrage hat man sich ja selbst geschaffen, somit den Profit, aber kein Deut von Inclusion. Auch die Psychologie steckte in den Kinderschuhen. Was also tun mit den Kriegsversehrten? (Man erinnere sich an die zeitgenössischen und sozialkritischen Bilder von Otto Dix)

 

Die Kriegsgewinnler und "Goldene-Zwanziger-Jahre-Bourgeoisen" standen den idealistischen Betreuern caritativer und pflegerischer Verbände und Gruppen antipodisch gegenüber. Es folgte das Dritte Reich; und wer den Terminus "lebensunwertes Leben" erfindet, ist unleugbar der Feind jedweder Inclusion.

Nach dem Krieg wussten die Besatzungsmächte bis 1948 nicht, wie eine Inclusion Deutschlands in die Völkergemeinschaft aussehen soll, bis der Eiserne Vorhang das ganz schnell klar machte: Von Individueller Inklusion Behinderter keine Spur, somit kein Gedanke an: "Behindert ist man nicht, behindert wird man!!!"

 

Als im Jahre 1969 - als Reaktion auf die "68-er-Unruhen" - Willy Brandt intonierte:

"Wir müssen mehr Demokratie wagen!" bezog sich dies lediglich auf den Umgang der "hohen Politik" mit den außerparlamentarischen Organisationen.

 

Erst mit den Diskussionen über Reformen in der Bildungspolitik - also frühestens seit den 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts - konnte sich die Idee der Inclusion Einzelner formieren und blieb bis heute an dem Altruismus weniger Idealisten hängen. Mit dem Abbau der sozialen Marktwirtschaft wird "Inclusion" wohl lediglich für Ehrenamtliche und unterbezahlte Idealisten in pflegerischen Berufen ein Begriff und hehres Ziel bleiben!

These: So lange sich Inclusion weder volkswirtschaftlich noch betriebswirtschaftlich profitabel zeigt, wird der Begriff nur ein Wort sich politisch korrekt zeigen wollender Verantwortlicher bleiben.

 

Inclusion ist nicht nur in der Verantwortung der Familien, Freundeskreise und caritativer Verbände! Es ist die einzige Antwort auf die schleichende Euthanasie durch Profiteure und eine Politik, die nur Erfolg subventioniert, Behinderte und in Not Geratene jedoch sanktioniert.

 

Resümmee: Ich erkenne kein Umdenken in der Gesellschaft, wenn nur "Erfolg" zählt und Begriffe wie "Moral", "Ethik" und "Gewissen" zu philosophischen Schemen verblassen. Krankheit macht unfrei, aber macht Arbeit frei! Hilfe zur Selbsthilfe? Selbst von Ärzten, die den Hippokratischen Eid leisteten, hörte man, dass sie Selbstmord für ein legitimes Mittel Depressiver halten, dann hat das für mich etwas Faschistoides! Also, wer gesund ist, kann arbeiten, Arbeit macht frei und Kranke und Behinderte liegen den Gesunden auf der Tasche???

 

Die psychischen Krankheiten nehmen zu, das Mobbing nimmt zu, die psychischen Krankheiten dadurch wiederum, ein Teufelskreis!!! Schleichende Euthanasie eben!!! Quo vadis Inclusion In Deutschland???

 


Aavo Paalikkenn

Inklusion

 

Ich habe einen Behindertenausweis, also bin ich behindert. Ich kriege drei Tage mehr Urlaub, aber ich finde keine Arbeit. Ich darf zum halben Preis ins Theater, doch ich verstehe die Stücke nicht.

Im Krankenhaus bin ich ein gern gesehener Gast, weil ich handsam bin. Auch mein Betreuer integriert mich immer wieder wunderbar. Abends beim Bier erzählt er Witze. Ich darf ja kein Bier trinken, weil ich Medikamente nehme. Angewandte Inklusion.

Morgen setze ich wieder Kugelschreiber zusammen. Teilhabe am Arbeitsmarkt. Ich fühle mich wie auf der Galeere. Nur hat der Sozialarbeiter keine Peitsche. Der Ruheraum. Eine Viertelstunde weg von Allem. Dann wieder in die Mühle. Acht Stunden am Tag.

Dann geht man in die Stadt und wird schief angeguckt wegen dem roboterhaften Gang. Sie sagen, ich brauche die Medikamente, damit ich gesund bleibe. Aber wo bin ich denn gesund? Wenn ich in Urlaub fahren will, muss ich die Spritzentermine berücksichtigen. Alle zwei Wochen meine Dosis. Da bleibe ich lieber zu Hause. Habe sowieso kein Geld zum Verreisen.

Inklusion findet im Café statt. Ich muss für meinen Kaffee den selben Preis bezahlen wie alle. Ich sitze an meinem Tisch und schaue dem Treiben zu. Angesprochen hat mich noch niemand. Ich habe irgendwas an mir. Vielleicht ist es das Zittern. Normal, nach 20 Jahren Lithium. Bin doch keine Bedrohung, oder? Die Bedienung beachtet mich in der Regel nicht. Naja, so spare ich Geld.

Dann gehe ich dahin, wo ich unter meinesgleichen bin. Gespräche darüber, dass wir ja viel normaler sind, als die anderen. Das geht mir so auf die Nerven! Die Selbsthilfegruppe hilft uns, uns abzuschotten. So sitze ich abends in meinem Zimmer bei meinen Eltern und denke an all das, was ich nicht habe. Inklusion.

An der Wand hängt das Lady Gaga Plakat. So verrückt und doch voll drin!

Dies ist eine Flaschenpost. Wenn sich jemand für unsere Teilhabe interessiert, soll er schreiben. Er/Sie soll nichts für uns tun, sondern mit uns.

Ich bin doch nicht blöd, sagte die Werbung. Wir sind‘s wirklich nicht.

 

Martin Stoffel 23.02.13/23:00

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