Vorurteile und destruktive Aggression

Rassistische Erlebnisse im Alltag

Von Ashraff Salem

 

Es gibt immer wieder Menschen, die „Angst“ vor dem Fremden oder „Angst“ um ihre „eigene Identität“ haben. Viele Menschen definieren ihre Persönlichkeit und Identität nur über die Nationalität oder Herkunft, was natürlich nicht geht. Der Mensch sollte sich über sich selbst definieren. Johannes Rau sagte einmal: „Ich liebe meine Frau, nicht mein Land!“

 

Ich bedauere, diesen Artikel schreiben zu müssen. Dieser Artikel beweist aber, dass der Kampf gegen Rassismus erst am Anfang steht und noch lange nicht zu Ende ist.

 

Mein Vater ist Ägypter, meine Mutter ist Deutsche. Das ist deshalb wichtig zu erwähnen, weil die Geschichte, die ich erlebt habe, vielleicht sonst niemand nachvollziehen kann.

 

Eines Tages (ich war 10 Jahre alt und wohnte noch in Hamburg) fuhren meine Mutter, meine Schwester und ich mit dem Bus nach Hause. An einer Station stiegen acht Neonazis ein und beschimpften die Fahrgäste mit den Worten: „Türkenbastarde“ und „dreckige Nigger“. Leider rief der Busfahrer weder die Polizei noch griff er sonst in irgend einer Weise ein.

 

Die Neonazis stiegen an unserer Station ebenfalls aus. Auf einmal fingen sie an, hinter uns her zu rennen und meine Mutter zu beschimpfen: „du Hure, warum läufst du mit zwei Ausländerkindern rum? Rassenschänderin! Dreckige Verräterin! Wir bringen dich und deine Kinder um, wir führen hier in Deutschland wieder Gaskammern ein!“ Meine Schwester, damals 12 Jahre alt, fing an zu weinen. Ich weinte zwar nicht, hatte damals aber sehr große Angst. Die Neonazis verfolgten uns bis zur Haustür. Einer rief uns noch hinter her, als wir ins Haus stürmten: „Ich kriege euch!“

 

Als wir in der Wohnung waren, rief meine Mutter die Polizei an. Doch der Polizeibeamte, dem sie erzählte, was wir erlebt hatten, meinte nur: „Es ist ja nichts passiert, wir können leider erst eingreifen, wenn etwas passiert ist!“ Für mich ist heute klar, dass auch die Polizei nicht frei von Rassismus und so genannter Fremdenfeindlichkeit ist. Und die Behörden auch nicht. Das sieht man ja daran, dass die Bundespolizei Menschen mit dunkler Hautfarbe besonders oft und besonders gern kontrolliert.

 

Fünf der Neonazis wohnten uns direkt gegenüber und schmissen hin und wieder diverse Gegenstände auf unseren Balkon. Ich ging damals drei Monate lang nur in Begleitung auf die Straße.

 

Als ich 23 Jahre alt war, hatte ich eine schwarze Freundin, die in Berlin-marzahn wohnte. Wir wurden jeden Abend in der U-bahn und in der Straßenbahn auf das Unmöglichste beschimpft. Einmal meinte ein Mann im vorbeigehen, den Kopf zu meiner Ex-freundin gedreht: „Ich sehe ein brennendes Kreuz! Ich bin vom Ku-Klux-Klan, und du Niggerschlampe bist auch noch dran!“

 

Eines Tages, ebenfalls in Berlin, gingen wir in ein Restaurant. Als das Essen kam, legte die Kellnerin nur mir Besteck hin und sagte zu meiner Ex-freundin: „Neger können nicht mit Messer und Gabel essen, du brauchst kein Besteck!“ Wir verließen auf der Stelle das Restaurant. Heute hätte ich anders gehandelt. Ich hätte das Restaurant entweder schließen lassen oder dafür gesorgt, dass die Kellnerin ihren Job verliert! Ich hätte den Geschäftsführer/in kommen lassen und ihm/sie darüber informiert, dass hier Mitarbeiter an Ort und Stelle sind, die die Gäste beschimpfen! Stattdessen sind wir einfach raus gegangen.

 

Ich möchte klar und deutlich betonen, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit keine deutschen Phänomene und Probleme sind, sondern dass diese Viren in jeder Bevölkerungsgruppe und Ethnie vorkommen! Deshalb ist Rassismus ein weltweites Phänomen und Problem und muss weltweit bekänpft werden!

 

Kein Mensch macht sich selbst und sucht sich seinen Geburtsort, seine Größe, seine Farbe oder die Herkunft seiner Eltern oder sein Geschlecht aus. Ferner sucht sich kein Mensch aus, ob er in eine arme oder reiche Familie hineingeboren wird. Und eines sollte doch völlig klar sein: Dass es in JEDER Bevölkerungsgruppe und Ethnie gute, hilfsbereite und gerechte Menschen wie Karl Marx, Nelson Mandela, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King gibt, dass es aber auch in JEDER Bevölkerungsgruppe und Ethnie bösartige, machtgeile, intrigante und gewalttätige Menschen wie Adolf Hitler, Idi Amin, Pinochet, Khomeini und George W. Bush gibt!

 

Wenn mir jemand sagt: „Ich bin stolz, Türke zu sein, oder Deutscher, Ägypter, Russe“, etc. frage ich mich allen Ernstes, was die Person „stolz“ macht und was sie dafür geleistet hat, Türke, Deutscher, Russe oder Ägypter zu sein. Sie hat nichts dafür geleistet, sie ist einfach zufällig in irgend einem Land von irgendwwelchen Menschen geboren worden. Außerdem sind Länder sowieso künstliche Gebilde, die von Menschen durch Krieg immer wieder neu definiert und verändert werden können! Sie hätte auch in einem völlig anderen Land geboren werden können, wenn der Zufall es gewollt hätte. Ich kann nur auf etwas stolz sein, was ich selber geleistet oder mir erarbeitet habe: Eine gute Klausur, eine gelungene Prüfung oder ein Aufsatz mit einer Eins. Das zufällige Geborenwerden, weil meine Eltern mich zufällig gezeugt haben, darauf kann ich nicht stolz sein! Ich halte Nationalstolz für eine geschickt eingesetzte Machtdemonstration der Politiker, die sie dann wieder anwerfen oder schüren, wenn es darum geht, eine Gruppe gegen die andere Gruppe auszuspielen und aufzuhetzen, oder wenn es vor Bundestagswahlen darum geht, wähler am rechten Rand zu fischen, wie die CDU/CSU es immer wieder tut, denn nichts ist für die Herrschenden gefährlicher, als wenn sich alle Gruppen in einem Land oder Gebiet einig sind. Die Politiker können ihre Schweinereien viel eher durchsetzen, wenn die Menschen untereinander zerstritten und uneinig sind, als wenn sie gegen ein bestimmtes Gesetz solidarisch und einig zusammenstehen! Teile, und Herrsche!

 

Die erlebnisse, die ich hatte, sind nun auf Rassismus zurückzuführen. Jeder Mensch sollte sich selbst fragen, ob sein Kopf völlig frei von Klischees und Stereotypen ist, denn der Kampf gegen Rassismus fängt im Kopf eines jeden einzelnen Menschen an. Er ist noch lange nicht vorbei!

 

Ashraff Salem

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